Dienstag, 23. Juni 2009

Lang lang ists her...

lang lang ists her... und entsprechend viel ist passiert seit meinem letzten Eintrag, muss ich reumütig gestehen.
Um trotzdem niemanden zu langweilen, werde ich mich mit den Ereignissen nach meinem Umzug auf das Tamilnadu Theological College kurz halten. Zunächst einmal habe ich wie gesagt eine neue Arbeitsstelle. Aus meiner Tätigkeit dort muss ich im Gegensatz zu meiner vorigen bei People?s Watch nicht wirklich ein Geheimnis machen: In meine Arbeit im Archiv des Centre for Social Analysis (CSA) kehrte schnell Routine ein. Das Gute an dieser Arbeit war, dass ich einen intensiven Einblick in die aktuellen Geschehnisse in Indien bekam, da ich ja praktisch den ganzen Tag mit Zeitunglesen verbrachte. Das war besonders im Hinblick auf den spannenden Wahlkampf und auf die Tragödie, die sich derzeit in Sri Lanka abspielt, interessant.

Wahrscheinlich ist es auch in Europa viel durch die Presse gegangen, dass die größte Demokratie der Welt wieder ihre Führung gewählt hat. Ein Land mit über einer Milliarde Einwohnern und sozialen wie kulturellen Unterschieden die weit größer sind als alle Verschiedenheiten die Europa beherbergt hat sich entschieden. Und zwar überraschend deutlich: *Gegen* den Hindunationalsimus, dessen Anführer angekündigt hatten, alle Wichtigen Entscheidungen von den Meinungen der Swamis und Gurus abhängig zu machen und deren wichtigste Kandidaten direkt für gewaltsame Ausschreitungen gegen Minderheiten verantwortlich sind. *Für* den Säkularismus, den Neoliberalismus und eine pro-amerikanische Politik. Aber bis es zu dieser Entscheidung kam, wurde viel gekämpft, manchmal auch mit Mitteln, die uns Europäern seltsam vorkommen. Tamil Nadu ist dafür ein gutes Beispiel. Der Bundesstaat wird seit den Siebzigerjahren von Karunanidhi, einem mittlerweile 89-jährigen und seiner Partei, der DMK, regiert. Schon immer hat er die Partei seine "Familie" genannt. Doch in den letzten Jahren ist dies tatsächlich wörtlich zu nehmen: die Partei ist nicht mehr seine Familie, sondern seine Familie ist die Partei. Es gibt keinen wichtigen Posten, der nicht von Mitgliedern seines Clans oder deren engsten persönlichen Freunden besetzt ist. Karunanidhis hat zwei Frauen und zwei Söhne. Der erste von ihnen, MK Stalin, ist der zweite Mann in der Partei. Azhagiri, der zweite Sohn, wurde auf einem Posten mitten im traditionellen Revier der Konkurrenzpartei abgestellt: Madurai. Von hier aus ist er für den Süden des Bundesstaates verantwortlich. Trotz des vermeintlich wenig versprechenden Postens hat Azhagiri sich mit den Jahren so sehr etabliert, dass er inzwischen auch "der König von Madurai" genannt wird. Was das bedeutet konnte ich an seinem letzten Geburtstag feststellen: Jeder Winkel der Stadt war geschmückt mit riesigen Plakaten, die ihn priesen wie einen Gott (auf manchen wurde er sogar tatsächlich mit einem Gott verglichen). Alle wichtigen Straßen waren gesäumt von Girlanden in rot und schwarz, den Farben der Partei. Der größte Aufwand kam jedoch erst nachts zu Geltung: Überall hingen Lichterketten, ca. alle drei Meter stand an der Straße eine Laterne in Form der aufgehenden Sonne, dem Parteiemblem, und alle fünfzig Meter eine "Lichtgestalt", die das Geburtstagskind in einer ungefähr zwanzig Meter hohen Konstruktion aus Lichterketten darstellte. Die Krönung waren diejenigen Momente, in denen es in Madurai wieder einmal dunkel wurde. Stromausfall. Aber nicht für den König: seine strahlenden Bildnisse wurden von separaten Generatoren versorgt. Madurai ist also fest in Azhagiris Händen. Als einmal eine unangenehme Meldung über ihn die Runde machte, wurde die Stadt einfach vom Rest der Welt abgeschnitten: Er kaufte alle Zeitungen auf und sorgte dafür, dass nur noch sein eigener Fernsehsender empfangen werden konnte. Nachdem 2007 eine Zeitung berichtete, dass bei einer DMK-internen Abstimmung 72 Prozent seinen Bruder Stalin und nur 2 Prozent ihn gerne als Karunanidhis Nachfolger sähen brannte am Tag darauf ihr Büro ab und drei Journalisten kamen zu Tode. Wie führt ein solcher Mann, eine solche Partei, Wahlkampf? Bei den letzten Wahlen war das Versprechen: Wenn ihr DMK wählt bekommt ihr alle einen Farbfernseher. Die DMK wurde gewählt und tatsächlich: Auf den Dörfern gibt es nun zwar immer noch keine konstante Wasserversorgung aber dafür Farbfernseher. Dieses Mal hat es sich die DMK einfacher gemacht: Briefumschläge mit 500 Rupien-Scheinen, die unter Türen hindurch geschoben wurden, sagten den Leuten, wen sie zu wählen hatten. Das ist übrigens keine Geheiminformation. Jeder weiß es, es ist normal.

Nun aber genug zur Lage der Nation, zurück zu mir. Zum Glück bestand meine Arbeit im CSA nicht nur aus dem Archivieren von Zeitungen. Darüber hinaus arbeitete ich auch für die in Indien recht bekannte Aktivistin Dr. Gabriele Dietrich.
Dr. Gabriele Dietrich ist Inderin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, aber das ist lange her. Jetzt hat sie nicht nur einen indischen Pass, sondern sagt auch "wir Inder" und "die Deutschen". Auf Englisch, Deutsch spricht sie kaum mehr. Vor kurzem ist sie in den Ruhestand eingetreten. Das heißt zwar, dass sie nicht mehr am Centre for Social Analysis in Madurai lehrt, "Ruhe" gönnt sie sich aber nicht. Als ich sie das erste mal für ein Interview traf kam sie gerade von einem Hungerstreik, schrieb noch schnell einen Brief an die indische Präsidentin und traf zwischendurch eine NGO-Delegation. Als im unteren Stockwerk des Gebäudes ein Telefon klingelte, zuckte sie zusammen und hörte einen Augenblick angestrengt zu, wie der Anruf entgegen genommen wurde. Es wurde Tamil gesprochen. Sie sank in ihren Stuhl zurück. "Ich erwarte noch einen Anruf aus New York", sagte sie entschuldigend. Der Begriff "Aktivistin" scheint für sie geschaffen zu sein. Ich konnte von ihr in einer kurzen Zeitspanne unglaublich viel lernen und meinen doch immer noch sehr engen westlichen Blickwinkel auf Menschenrechte sehr erweitern. Das kam vor allem meinem Buchprojekt zugute, an dem ich gerade für "Brot für die Welt" arbeite. Nachdem es sich bereits am Anfang meines Freiwilligendienstes herausgestellt hat, dass es zu riskant ist, von hier aus über die Menschenrechtssituation in Indien zu berichten, begann ich, mir Gedanken über Alternativen zu machen. Alle 18 Minuten wird ein Verbrechen gegen Unberührbare begangen und wir lernen in der Schule, dass es das Kastenwesen nicht mehr gebe. Die Polizei begeht 1,8 Mio. Menschenrechtsverletzungen im Jahr und kein Deutscher mit dem ich darüber sprach hatte je davon gehört. Etwas musste getan werden. Also begann ich nach einigen Absprachen mit meinen "Vorgesetzten" an einem Buch über Menschenrechte in Indien zu arbeiten, das von Brot für die Welt veröffentlicht werden soll. Inzwischen ist dieses Buch zu meinem Hauptprojekt geworden und die Arbeit daran ist wirklich spannend.

Aber natürlich ist Arbeit nicht das einzige in meinem Leben. Der Campus des TTS-College gibt mir die Möglichkeit, viele Kontakte zu spannenden Leuten zu knüpfen und mich immer mehr in die indische Kultur einzufinden. Für mich persönlich kann ich viel lernen. Unter anderem hat sich meine Einstellung zum Glauben durch den Kontakt mit dem befreiungstheologischen Ansatz des TTS und die Erfahrung der Multireligiosität der indischen Gesellschaft, geändert.

Und dann kam die Nordtour, vielleicht die erlebnisreichste Zeit in meinem Leben bis jetzt :) Da unsere (der ehemaligen People's Watch Truppe) Visumsverlängerung auf Sri Lanka im Februar nur halb geglückt war (wir hatten nur 3 statt der benötigten 6 Monate bekommen) mussten wir nun nach Thailand reisen und unser Glück aufs neue versuchen. Ungewiss, ob wir unsere neue Heimat je wiedersehen sollten, reisten wir also aus. In Bangkok waren wir vollkommen überwältigt von der Modernität der Stadt. Ich hatte beinahe vergessen, was "Modernität" bedeutet und es war sehr gewöhnungsbedürftig, durch siebenstöckige Einkaufszentren zu bummeln und von allen Seiten mit Werbung zugedröhnt zu werden. Mir wurde bewusst, dass das einfache Leben, in dem Konsum nicht alles ist, doch auch seine Vorteile hat. Trotzdem war ich begeistert von Bangkok: Ich entdeckte die Thai Küche für mich, stand staunend vor dem größten liegenden Buddha der Welt und freute mich an dem fast vergessenen Geschmack von Steinofenbrot, an dem wir uns bei einer deutschen Pfarrersfamilie erfreuen durften. Was mir von Thailand auch im Gedächtnis bleiben wird, ist der Patriotismus. Jeden morgen um acht und abends um sechs wir an öffentlichen Orten die Nationalhymne gespielt. So erklang beispielsweise am Bahnhof plötzlich eine Trillerpfeife, woraufhin alle sofort in dem was sie gerade taten innehielten, sich aufrichteten und andächtig dem Lied lauschten. Am Ende wieder der Ton der Trillerpfeife und das Leben darf weitergehen. Im Kino wurde vor Beginn des Films in gleicher Manier die Hymne des Königs gespielt, der verehrt wird wie ein Gott. Das unangefochtene Highlight von Thailand sind jedoch seine Strände. Ehrlich gesagt ist Railay-Beach wohl der schönste Ort, den ich je gesehen habe. Eine Halbinsel, die wegen Dschungel und Felsen nur per Boot erreichbar ist. Kein motorisierter Verkehr, dafür weiße Sandstrände, Korallenriffe und original Schatzinsel-Feeling.



Zurück in Bangkok bekamen wir ohne Probleme unser Visum (das sogar auf sechs Monate statt der beantragten drei ausgestellt war), feierten dieses freudige Ereignis noch ein wenig und machten uns auf zur nächsten Station unserer Reise: Delhi. Hier trafen wir voller Freude über das Wiedersehen unsere restlichen Mitfreiwilligen plus eine Freundin, um von nun an zusammen unseren Urlaub zu verbringen. Ich werde versuchen, diese erlebnisreiche Zeit so kurz wie möglich zusammenzufassen, auch wenn es mir schwerfällt: Die erste gemeinsame Station war Shimla, am Fuße des Himalaya. Hier herrschten deutsche Temperaturen und wir konnten endlich mal wieder unsere Lieblingspullis tragen. Das Highlight war eine Rafting-Fahrt auf einem Himalaya-Fluss. Dabei habe ich tatsächlich vor Kälte gezittert, etwas, was ich mir einige Tage später nicht einmal mehr würde vorstellen können.

Weiter ging es nach Amritsar, der Stadt der Sikhs. Der Sikhismus ist eine Verschmelzung hinduistischer und Islamischer Elemente, die hauptsächlich im Punjab verbreitet ist. Das faszinierende ist, dass streng gläubige Sikhs (von denen man in Amritsar viele sieht) verschiedene Symbole ihrer Religion tragen müssen. Dazu gehört der berühmte Turban, aber auch ein Dolch oder vorzugsweise ein Schwert. Ich fühlte mich wie in einer Märchenwelt, als ich am Goldenen Tempel, dem größten Heiligtum der Religionsgemeinschaft, saß und umgeben war von bärtigen Männern in langen Gewändern, die Turbane und Schwerter trugen. Von Amritsar aus besichtigten wir Atari, den einzigen Grenzübergang zu Pakistan. Dort spielt sich jeden Tag ein einzigartiges Spektakel ab: die Grenzschließungszeremonie. Dafür reisen Menschen aus ganz Indien an und nehmen in einer Art Stadion platz um die Zeremonie zu verfolgen. Lange hält es aber niemand auf seinem Platz. Die Stimmung dort wird durch Animateure so aufgeheizt, dass bald jeder in die Sprechchöre einstimmt, Fahnen schwenkt oder zu der lauten Musik zu tanzen beginnt.

Nächste Station: Bikaner in der Wüste Thar. Hier besichtigten wir einen Rattentempel, in dem sich, wie der Name schon sagt, tausende Ratten aufhalten. Laut der Priester handelt es sich dabei um Wiedergeborene Anhänger der Lokalen Gottheit. Das bedeutet natürlich, dass sie gefüttert werden müssen, und zwar nicht zu knapp. Hin und hergerissen zwischen Ekel und Faszination stieg ich über die struppigen Viecher hinweg und erspähte schließlich sogar die Glück bringende weiße Ratte. Am Tag darauf schwangen wir uns auf Kamele und ritten in einer kleinen Karawane durch die Wüste. Bei der herrschenden Temperatur 48 Grad war das ein genauso anstrengendes wie grandioses Erlebnis, das durch eine Übernachtung unter dem Wüstenhimmel abgerundet wurde.

Weiter ging es in die faszinierenden Wüstenstätte Jaisalmer und Jodhpur. Ich war vollkommen hingerissen von den engen Gässchen, filigran verzierten sandfarbenen Havelis (Handelshäuser) und Palästen und den stimmungsvollen Tempeln. Highlight: von einem der Flachdächer aus den Sonnenuntergang beobachten, der die ganze Stadt in ein warmes Orange taucht, während aus allen Richtungen die Rufe der Muezzine erschallen und ein kleiner Sandsturm aufkommt.

Für Christina Jöhnk und mich ging es dann noch nach Udaipur, der angeblich romantischsten Stadt Indiens, deren berühmter See aber aufgrund der Hitzewelle komplett verschwunden war. Trotzdem war der Ausblick vom Palast aus noch immer atemberaubend. In Mumbai stießen wir dann wieder auf Vera, Christina Kühne und Netty (Felix und Jasmin hatten schon wieder nachhause fahren müssen, weil sie von People's Watch keinen Urlaub mehr bekamen). Diese Stadt ist unglaublich groß, schon und schrecklich. Vermutlich kommen die sozialen Kontraste Indiens nirgendwo mehr zur Geltung wie hier. Da bot die nächste Station einen wunderbaren Ausgleich: Nur noch Vera und ich waren übriggeblieben und in einer 20 Stündigen Busfahrt nach Hampi gefahren. Dieser Ort kommt kurz nach Railay in meinem Ranking der schönsten Orte: Quietschgrüne Reisfelder werden durchzogen von einem breiten Fluss, der sich an seltsamen Steinformationen vorbeiwindet, die aussehen, wie absichtlich aufgestapelte riesige Kieselsteine. Genau auf diese Szene hatten wir von dem Hängebett vor unserer strohgedeckten Hütte Ausblick. Als wir genug gechillt hatten, setzten wir mit einem kleinen Bötchen von der Insel, auf der wir wohnten zum "Festland" über. Dort liehen wir uns Fahrräder aus und erkundeten die Umgebung mit ihren gut erhaltenen Ruinen einer alten Zivilisation.

Schließlich kehrten wir bis zum Rand gefüllt mit Eindrücken nach Madurai zurück um uns nach einem Monat des Reisens wieder an die Arbeit zu machen. Die Zeit vergeht wie im Flug und wir nähern uns bereits mit großen Schritten dem Ende unseres Freiwilligendienstes. Hin und her gerissen zwischen den Gefühlen denke ich daran, wie es wohl wird, Indien zu verlassen und in Deutschland einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Aber bis es soweit ist gibt es auch hier noch viel zu erleben.

Montag, 24. November 2008

Indien: ein Dschungel des Lebens

Nach einer ausgedehnten Autofahrt mit viel Zeit für philosophische Beobachtungen und beinahe einem Viertel meines Freiwilligendienstes hinter mir, wage ich mich nun daran, all die Bilder der indischen Welt, die auf mich einströmen, etwas zusammenzufassen.

Das indische Parlament

Ich fühle mich wie Siddhartha, der nur den behüteten Palast kannte, und nun zum ersten Mal einen Ausritt in die Wirklichkeit des Lebens mit all seinem Leiden macht. Das liegt aber nicht etwa daran, dass Indien das Land des Leidens wäre, denn das ist es in keiner Weise. Es liegt daran, dass sich hier fast alles in der Öffentlichkeit abspielt. Die kollektivistische indische Mentalität scheint weder Privatsphäre noch das Verbergen von Verfall zu kennen. Das fällt bereits dann auf, wenn man in Madurai einen ungestörten Platz zum Sitzen sucht: etwas Derartiges scheint es nämlich nicht zu geben. Hat man dann doch einen Ort, wie z.B. eine Fensterbank in einer verlassen Gasse gefunden, kann man davon ausgehen, dass dieser wenige Augenblicke später plötzlich stark bevölkert ist von Menschen, die mitten in die Unterhaltung hinein fragen, was man denn mache. Bei uns zuhause haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, dass unsere Haushälterin nachts plötzlich in unserem Zimmer neben dem Bett steht. So lange sie mich dann nicht wachrüttelt oder ins Badezimmer kommt während ich mich (nur mit einer Boxershorts bekleidet) gerade rasiere, stört mich das sogar nicht einmal mehr wirklich. Die Sitte des Anklopfens ist eine westliche, wird mir bewusst.

Bis spät in die Nacht hält man sich draußen auf. Foto: Felix Nickel

Wie bereits gesagt, das Leben findet öffentlich statt. Im Haus ist man eigentlich nur zum Essen und Schlafen und auch das immer nur in Gesellschaft der Großfamilie. Auf der Straße hingegen wird geredet, gestritten, gelacht und geweint. Jedes Stadium des menschlichen Lebens ist hier sichtbar: von durchgestylten Weltmännern bis zu verrunzelten alten Frauen, die nicht mehr gehen können begegnet einem alles. Die einen lassen sich hinter getönten Scheiben in Jeeps herumkutschieren, die anderen kriechen mühevoll Zentimeter um Zentimeter durch den Dreck. Auch alle möglichen Arten von Krankheiten, Verkrüppelungen und Entstellungen begegnen einem, die man in Deutschland nie zu Gesicht bekommen würde, weil sie entweder operabel sind oder so fortgeschritten, dass sie stationär behandelt würden. Auf ihre schonungslose Weise sind die indischen Straßen um so vieles ehrlicher als die deutschen.

Ein Bettelmönch

Ähnlich wie mit den Menschen selbst ist es auch mit ihren Behausungen. In jedem Viertel, egal ob reich oder arm, sieht man skelettartige Bauten, bei denen man nicht so richtig einschätzen kann, ob sie noch nicht fertig oder bereits verfallen sind. Und überall wo man hinsieht Bauschutt. Besteigt man Madurais Flachdächer scheint es, als ob dieser stets dorthin verfrachtet würde, wenn ein Haus fertiggestellt wird. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, wie man sich unschwer vorstellen kann, wenn man indische Bauarbeiter bei der Arbeit beobachtet. Manchmal könnte man durchaus denken, es handle sich um einen Meditationskurs, bei dem hin und wieder mal jemand mit einem Hammer auf einen Nagel schlägt um die irdische Welt nicht gänzlich aus dem Bewusstsein zu verlieren.

Foto: Felix Nickel

Für die meisten der halbfertigen Bauten besteht wohl wenig Hoffnung, jemals fertig gestellt zu werden. Man kann nur rätseln, ob sie irgendwann in Vergessenheit geraten sind oder ob dem Bauherrn das Geld ausging wenn man Gebäude sieht, bei denen beispielsweise nur das zweite Stockwerk fertiggestellt ist, oder an einer langen Reihe massiver Pfeiler vorbeifährt, die vielleicht einmal dazu gedacht waren, eine Autobahnbrücke zu tragen. Schwer von dieser ersten Kategorie zu unterscheiden ist die zweite: die verfallenen Häuser. Manche von ihnen sind offensichtlich eingestürzt, andere dienten vermutlich als Baumaterial für kommende Projekte. In manchen Fällen ist die Ursache des Verfalls aber auch unschwer zu übersehen: so zum Beispiel bei einem Tempel, in dessen Seitenwand sich ein Lastwagen bis zur Hälfte hineingebohrt hat.

Auch der ausrangierte Giftlaster vor unserem Fenster wurde weiterverwendet: irgendwann baute eine Gruppe Männer das Fahrgestell ab. Der Gifttank steht noch dort.

Apropos Lastwagen: Auch an Gefährten hat Indien alles zu bieten, was man sich vorstellen kann: vollkommen überladene Fahrräder überholen langsam dahinzuckelnde Ochsenkarren, an denen immer wieder Luxusschlitten vorbeirauschen, die scheinbar dreimal täglich poliert werden, denn trotz dem allgegenwärtigen Staub sind sie stets blitzblank. Und zwischen alldem natürlich das Fahrzeug, das uns am meisten ans Herz gewachsen ist: die Autorikscha. In indischen Städten braucht man trotz des Chaos eigentlich keine Angst haben, sich zu verlaufen, die kleinen gelben Dreiräder, die einen für wenig Geld überall hinbringen, sind allgegenwärtig.

Foto: Vera Wülker

Bei den Gebäuden sind die Unterschiede natürlich nicht minder groß: Direkt nebeneinander stehen Bauten, für die das Wort Palast eine Untertreibung wäre und Hütten, die nicht einmal den kleinsten Regenschauer abhalten würden, geschweige denn den indischen Monsun. Dieser prägt das Bild Madurais gerade maßgeblich: Plötzlich setzt ein Regen ein, bei dem man denken könnte, man stehe unter einem Wasserfall und wenige Minuten später sind die Straßen mangels Abflussmöglichkeiten in Flüsse verwandelt und wie aus dem nichts entstehen plötzlich riesige Froschpopulationen. Sieht man eine Straße dann nach dem Regen wieder, kann es durchaus sein, dass z. B. der Bürgersteig verschwunden ist, mitgerissen von den Fluten. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass viele Straßen hier keine Namen und Häuser nur in den seltensten Fällen Nummern haben: Nichts ist von Dauer.


Möchte man Deutschland mit einem sterilen Krankenhaus vergleichen ist Indien ein Dschungel, vollkommen durchdrungen vom Werden und Vergehen des Lebens. Während in Deutschland der Verfall aus der Gesellschaft herausoperiert wird, wachsen aus den verfallenen Stümpfen im Dschungel Indiens überall neue Bäume und nichts bleibt je gleich. Einige Bäume ragen weit hinauf zum Licht aber die meisten anderen wuchern in der Finsternis, in der die Schwachen vom Unterholz zerdrückt werden. Dieses Bild drückt für mich am besten aus, was ich jeden Tag sehe und fühle.

Blick auf einen echten Dschungel in der Nähe von Kanyakumari

Bilder und Text: Simon Schaupp

Montag, 10. November 2008

Ein Besuch in "God's own Country"

Dass Delhi Spuren hinterlässt war mir klar, doch dass sie in Form eines 10-tägigen Fiebers kommen würden ist eine böse Überraschung. Nach dem dritten Tag mit hohem Fieber gehe ich in ein Krankenhaus, ohne große Erwartungen, denn bei meinem letzten Besuch hier wurde mir nach dreistündigem Warten nur empfohlen, ich solle mehr beten. Tatsächlich gibt es auch diesmal keine Diagnose. Mir wird Paracetamol verschrieben und die Antwort auf meine Frage nach einem Bluttest ist: „Dein Blut ist doch sowieso rot.“ Ich warte das Wochenende über, wie mir empfohlen wurde einfach ab, ohne dass das Fieber sinkt. Als ich danach wieder ins Krankenhaus gehen will heißt es, leider geschlossen. Es ist Diwali und drei Tage lang hat alles zu. Ich verbringe die Feiertage vollkommen geschwächt und mit einem immer größer werdenden Stubenkoller im Bett, bis ich mit meinem Arzt aus Deutschland telefoniere. Dieser sagt mir, alles was ich erzähle hört sich nach Malaria an, außerdem sind wir durch ganz Indien gefahren, was die Übertragungsgefahr erheblich erhöht. Fazit: sofort Bluttest machen gehen und zwar in einem anderen Krankenhaus. Gesagt getan: Felix begleitet mich zum Apollo Hospital, wo tatsächlich nachts um halb eins in der Notaufnahme ein Bluttest durchgeführt wird. Außerdem werden mir eine Reihe von Medikamenten mitgegeben, ebenfalls wieder ohne auch nur zu fragen, was für Symptome ich überhaupt habe. Aber diesmal Wirken sie. Kein Wunder, denn es sind Breitband-Antibiotika. Ein paar Tage später bin ich, wenn auch geschwächt und, wie man mir im Büro sagt, abgemagert wieder auf den Beinen und freue mich, dass alles Tests negativ ausgefallen sind.

Der Strand von Varkala

Das tagelange eingesperrt sein und der Stress der letzten Zeit machen es nötig, mal wieder aus Madurai rauszukommen. Nach längerem Überlegen, ob sich eine 10-stündige Zugfahrt für ein Wochenende lohnt, machen wir es uns am Freitagabend tatsächlich in der Sleeper Class bequem – wohl eine der besten Entscheidungen, die wir hier bis jetzt getroffen haben.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen befinden wir uns in Kerala. Der Zug schlängelt sich vorbei an palmengesäumten Lagunen, tuckert durch Dörfer aus Strohhütten mit mystischen Schreinen im Zentrum und erhebt sich auf Brücken weit über das alles umgebende Palmenmeer. Fast ohne Verspätung kommt der Zug dann an einer kleinen, aber außergewöhnlich modern ausgestatteten Station zum Stehen: Varkala.

Traditionelle Fischerboote

Schon als wir unser Hotel betreten fühlen wir uns wie in einer anderen Welt. In diesem Ort scheinen alle Menschen mit einem zusätzlichen Relax-und-Lächel-Gen ausgestattet zu sein. Zeit existiert hier nicht. Schon bald wird mir klar, dass es wohl keinen besseren Ort geben kann, um nach der Anspannung der letzten Wochen einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Und dann sah ich den Strand.

An dieser Stelle wird eine angemessene Berichterstattung leider unmöglich, denn mir fehlen alle Worte um dieses Stück Paradies zu beschreiben. Palmenbewachsene Klippen stürzen zu sanften Sandstränden hinab. Die Brandung ist stark genug um die Naturgewalt zu sein, die das Meer für mich sein muss, und trotzdem ist schwimmen gerade noch möglich. Allerdings tummeln sich hier auch die Touristen. Wir sehen zum ersten Mal, seit wir hier sind an einem Ort mehr Weiße als Inder. Eine Zeit lang ist es extrem lustig, diese Oberschicht-Leute zu beobachten, die sich hier so zwanghaft um ein verlottertes Aussehen bemühen, wie sie sich zuhause die Krawatte zurechtzupfen. Oder zuzuhören, wie sie sich bei Pizza und Spaghetti inbrünstig erklären, dass sie keine Touristen sind sondern abgebrühte „Traveller“ und dann zu einer Diskussion über Parfummarken übergehen. Bald schon fange ich jedoch fast schon an, mich zu schämen, dass auch ich ein Deutscher bin und mache mich auf, um etwas abgelegenere Gegenden zu erkunden. So wandere, klettere und schwimme ich an den schroffen Klippen (gepriesen seien sie!) entlang. Ein paar Meter nach dem Ende der „Vegas Meile“ (so nennen sie die Einheimischen) ist kein einziger „Traveller“ mehr zu sehen sondern nur noch Fischerboote und Einheimische, die am Strand Krabben fangen.


Nach weniger als einer Stunde befinde mich dann vollkommen alleine an unbeschreiblichen Stränden. Als ich in der Nähe des nächsten Dorfes angekommen bin wird mir klar, dass ich langsam der brennenden Sonne entkommen muss. Da es aber nirgendwo Schatten gibt steige ich, als ich etwa dreißig Meter über dem Meer ein Hotel thronen sehe, die Klippen hinauf und schleiche mich in die luxuriöse Anlage ein. Dort finde ich einen kleinen Pavillon, der etwas hinter Palmen versteckt ist, und setze mich möglichst unauffällig in einen der Stühle. Von dort aus bietet sich mir eine atemberaubende Aussicht auf das Meer und die riesigen Falken, die im Sturzflug Fische jagen, gleiten so nahe an mir vorbei, dass ich fast glaube, sie berühren zu können. Es ist so schön, dass es fast schon in der Seele schmerzt. Ich sitze einfach nur da und staune. Als ich das nächste mal auf die Uhr schaue, merke ich, dass über eine Stunde vergangen ist. Zeit wieder zu verschwinden.

Weit weg von allen "Travellern"...

Auf meinem weiteren Weg stoße ich auf eine Gruppe von leicht bekifften und entsprechend fröhlichen Einheimischen, die mir sofort anbieten mit ihnen zu rauchen. Nachdem ich unter viel Dikussion schaffe, dies abzulehnen, lassen sie sich aber durch nichts mehr davon abhalten, "auf die Palme zu gehen", eine Kokosnuss zu ernten und mir ihren Saft zu geben. Zwei Gläser Kokosnusssaft und ein paar Tänze zu „We will rock you“ und anderen westlichen Hits später schaffe ich es unter großer Mühe, mich von der Gruppe loszulösen. Aber natürlich erst, nachdem man unzählige gemeinsame Erinnerungsfotos gemacht hat.

Auf dem Rückweg merke ich, dass ich einen weiteren Vorteil Keralas entdeckt habe: Die Leute sind im Gegensatz zu den Tamilen vollkommen entspannt, was den Umgang, trotz der natürlich auch hier bestehenden gewaltigen Kulturunterschiede, erheblich leichter macht. Aber es gibt noch so viele weitere Vorteile, dass ich absolut keine Chance habe, sie alle hier zu beschreiben. Vielleicht kann ich sie damit zusammenfassen, dass ich den Indern uneingeschränkt Recht gebe, wenn sie sagen „Kerala is god’s own country“. Unser Chef fügte hinzu: „with devil’s own people“. Auch dem kann ich Recht geben, verstehe es aber eher als „teuflisch cool“.

Bilder und Text: Simon Schaupp

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Geburtstag und NPTT in Delhi

Ich hatte einen wunderschönen Geburtstag hier in Indien. Bei der Arbeit sagte Felix irgendwann, er habe Bauchschmerzen und würde nachhause gehen. Ohne Verdacht zu schöpfen blieb ich sogar noch bis über die reguläre Zeit im Büro und kehrte dann zurück ins Guesthouse. Dort erwarteten mich nicht nur Felix und Jasmin sondern auch die Mädels von TTS mit Wunderkerzen und – noch besser – mit Spaghetti! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein Festessen das war, nach dem doch etwas eintönigen indischen Essen jeden Tag. Außerdem hatte Felix alle netten Kollegen von People’s Watch eingeladen, die verfügbar waren. So hatte ich eine richtig tolle Party mitsamt Ständchen, Geburtstagstorte und Geschenken. Es war super! Ich bin total dankbar =)
Am nächsten Abend gab es dann noch ein kleines Abschiedsfeuerwerk, denn dann reisten Jasmin, Felix und ich für zehn Tage nach Delhi. Davon gingen jeweils zweienhalb Tage für die Zugfahrt rauf und runter durch den ganzen indischen Subkontinent drauf. Nach meinen Erfahrungen mit indischen Zügen hatte ich doch etwas Bedenken gehabt, wie das wohl werden würde, aber zumindest die Zugfahrt selbst war total angenehm.
In Delhi selbst hatten wir erstmal kleine Probleme, rauszufinden, wo wir nun hingehen sollten, denn das versprochene Abholungskommitee war nirgends zu sehen. Nach längerem Rumtelefonieren (davon ein mysteriöser Anruf von einer unbekannten Person, die uns zur Polizeistation schicken wollte) nahmen wir die Sache dann selbst in die Hand und schlugen uns zu unserer Unterkunft in einem Industrieviertel Delhis durch.
Der Zweck unserer Reise war das von People’s Watch organisierte „National People’s Tribunal on Torture“, das wir protokollieren sollten. Das NPTT ist der Höhepunkt einer Serie von Tribunalen auf Staatsebene, bei denen Folteropfer angehört wurden. In Delhi wurden nun 21 Fälle aus ganz Indien vor einer hochrangigen, internationalen Jury vorgetragen – eine ziemlich große Sache und ein großer Schritt für People’s Watch auf dem Weg zur nationalen Organisation. Für uns war es eine wunderbare Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und einen tieferen Einblick in die Problematik zu gewinnen.
Aber glücklicherweise blieb auch noch Zeit, Delhi und seine Umgebung zu erkunden, definitiv ein Highlight, aber ein sehr anstrengendes. Delhi ist eine so unglaublich große, chaotische und gnadenlose Stadt. Für mich ist es immernoch schwer zu ertragen, dass sich einfach alles um Geld dreht. Vor allem, wenn man überall sieht, dass es nicht Gier, sondern der Kampf ums Überleben ist. Auf Schritt und Tritt wird man von Menschen verfolgt, die einem auf irgendeine Weise das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Der Rikschafahrer fordert plötzlich mehr Geld als vereinbart, entstellte Bettler pressen ihre Gesichter gegen das Autofenster, der Fahrer schrammt die volle Länge eines anderen Autos entlang und beschleunigt einfach nur, als er es merkt. All das erzeugt eine Grundstimmung des Misstrauens, für die ich mich manchmal selbst verabscheue. Aber natürlich gab es auch positive Seiten, und die haben eindeutig überwogen: Es war herrlich, nach dem ersten Kaufrausch meines Lebens, wieder einmal in einer stylischen Bar zu sitzen, einen Mojito zu schlürfen und das Cocktailstäbchen im Takt der westlichen Musik zu schwenken. Nur die Ratten und Kakerlaken haben uns daran erinnert, dass wir doch in Indien waren.

"Eine Träne der Zeit auf den Wangen der Unendlichkeit"

Der Höhepunkt der Reise war aber definitiv der Taj Mahal. Ohne große Erwartungen an solch einen Touri-Magneten zu haben kamen wir an, doch dann konnten wir nurnoch staunen. Beim Anblick dieser vollendeten Perfektion sprach Felix genau das aus, was auch mir durch den Kopf ging: „Das ist das schönste Gebäude, das ich je gesehen habe.“

Simon Schaupp

Mittwoch, 8. Oktober 2008

Wochenend und Sonnenschein auf Rameshwaram

Endlich komme ich mal wieder dazu, ein wenig zu berichten. Unter der Woche wird unser Leben doch sehr von der Arbeit dominiert. Wir stehen zwischen fünf und sechs Uhr auf und gehen zum Yoga. Nachdem ich meine Versuche, an einem Kampfkunst-Training teilzunehmen aufgegeben habe ist das ein toller Ersatz. Man macht die Übungen auf einer Dachterasse umgeben von Palmen und sieht die Sonne über den Bergen aufgehen – ein toller Ausgleich zu unserer anstrengenden Arbeit im fensterlosen Büro.

Der Hafen von Rameshwaram

Letztes Wochenende waren Vera, Jasmin, die beiden Chrissys und ich auf Rameshwaram. Das ist eine (Halb-) Insel in der Nähe von Sri Lanka. Um sechs Uhr morgens ging es mit dem überfüllten Zug (man muss mindestens eine Stunde vor Abfahrt einsteigen um einen Sitzplatz zu bekommen) los. Die Fahrt, die auch über die Indira-Gandhi-Brücke, eines der größten Wunder der indischen Ingenieurkunst, führte, verbrachte ich auf der Gepäckablage und hatte damit noch einen ziemlich guten Platz erwischt. Euphorisiert von den Palmenstränden, die am Fenster vorbeigezogen waren, stiegen wir mit der unglaublich heißen Sonne um die Wette strahlend in Rameshwaram aus dem Zug und machten uns gleich auf zum Ramanathaswamy-Tempel. Dabei handelt es sich angeblich um einen der wichtigsten Tempel Indiens. Sicher ist, dass er riesig ist und voller interessanter Dinge steckt. Dazu gehören z.B. die bunten Säulengänge und die heiligen Elefanten, die einem segnend den Rüssel auf den Kopf legen (natürlich nur gegen eine kleine Spende).

einer der Säulengänge

Das Highlight war aber etwas anderes. Gleich am Eingang wurden Vera und ich nämlich von einem eifrigen (und, wie sich später herausstellte, nicht ganz uneigennützigen) Hindu aufgegabelt, der uns erklärte, wir müssten uns unbedingt einer rituellen Reinigung unterziehen, damit wir zu Shiva beten könnten. Etwas misstrauisch folgten wir ihm, in der Annahme, dass die „Reinigung“ eher symbolischen Charakter haben würde. Ich dachte mir sie wäre vielleicht ähnlich mit dem reinigen an einer heiligen Flamme, bei dem man sich Rauch ins Gesicht weht, oder vielleicht vergleichbar mit unserem Ritual des Weihwassers. Der Teil mit dem Wasser traf sogar zu, nur die Proportionen hatte ich mal wieder sehr naiv eingeschätzt: ein Eimer wurde in einen Brunnen hinabgelassen und sein gesamter Inhalt wurde uns über den Kopf geschüttet. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass wir voll bekleidet waren und unser ganzes Gepäck dabei hatten. Während wir noch wie begossene Pudel, oder bessergesagt, wie begossene Europäer dastanden, eilte unser Führer schon weiter und drängte uns, ihm zu folgen.

Vera und ich von Kopf bis Fuß nass nach den Waschungen


Die nächste Station war – wen wunderts – ein weiterer Brunnen, an dem die Prozedur wiederholt wurde. Als wir dann ungefähr bei der fünften Waschung, nun bis zur Unterwäsche durchnässt und von dunklen Vorahnungen erfüllt, fragten, wie viele Reinigungen wir denn vollziehen sollten, wurden wir verständnislos angeschaut. Zweiundzwanzig natürlich, was soll man auch sonst erwarten?

Obwohl an Wasser offensichtlich nicht gespart wurde, durfte man das Wort „Reinigung“ zu wörtlich dann doch nicht nehmen, denn sauber wurde (oder blieb, je nachdem) man dabei nicht. Das Wasser war eine braune Brühe, das heiligste davon aus einem Teich, der voll war mit Fischen und Lotosblumen – und die gedeihen ja bekanntlich nur im Dreck. Nachdem aus einem der Eimer neben dem Wasser nicht nur Schmutz sondern auch ein Stein kam, beschloss ich, zumindest lieber nichts davon zu trinken, wie es die Hindus tun. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass das den Erfolg, das Glück und die Gesundheit, die mir und meiner ganzen Familie versprochen wurde, mindern wird. Ich bitte euch Daheimgebliebene also, zu entschuldigen, wenn ihr jetzt nicht alle, sondern nur ein paar Blässürchen loswerdet.
Am Ende der Tour durch den Tempel verlangte der Mann, der uns geführt hatte, plötzlich Geld, von dem er am Anfang kein Wort erwähnt hatte. Und zwar tausend Rupien, ein vollkommen überzogener Betrag, von dem eine Familie hier wahrscheinlich ein Jahr lang leben könnte. Nach einer längeren Diskussion gaben wir ihm – immernoch fürstliche – 100 Rupien, beschlossen, uns die Laune nicht verderben zu lassen, und machten uns auf ans Meer.

(K)inder am Strand

Dort entspannten wir uns für den Rest des Tages in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes, spielten mit den wunderbar unbeschwerten Kindern und genossen einen friedvollen Sonnenuntergang. Bei alldem konnte ich mir kaum vorstellen, dass hier ein paar Tage zuvor ein Fischer von der sri lankischen Marine erschossen wurde. Man hatte daraufhin kurz gestreikt aber die Arbeit bald wieder aufgenommen – der Hunger ist eben doch größer als die Wut.

Ein kleiner junge träumt in einem Fischerboot am Strand

Bilder und Text: Simon Schaupp

PS: alle Fotos können durch draufklicken vergrößert werden. Vor allem bei dem Panoramabild vom Hafen ist das vielleicht sinnvoll.

Freitag, 26. September 2008

Nächtliche Rikschafahrt durch Madurai

Hier einmal ein kleiner Einblick in den Verkehrsalltag in Madurai.

Viel Spass, beim Anschauen!

Montag, 8. September 2008

Insekten und andere kleine Ärgernisse

Mittlerweile hat mich der obligatorische Indien-Durchfall erwischt, der bei fast allen Reisenden zur Akklimatisierung dazugehört. Das ist eine ziemlich unangenehme Angelegenheit, weil man sich vollkommen erschlagen fühlt und nicht mehr viel tun kann. Besonders spaßig wird es dann, wenn man mit äußerster Dringlichkeit die Toilette aufsucht und dort mehrere riesige Kakerlaken eingezogen sind. Diese widerlichen Tiere gehören hier zu unseren Dauergästen. Jeden Abend haben wir mindestens eine, die das Bad unsicher macht. Das ist besonders deshalb gruselig, weil das Bad aus Mangel an elektrischem Licht immer dunkel ist. Wenn man sich im Schein unserer kleinen Kerze die Zähne putzt, sieht man die Kakerlaken immer erst dann, wenn sie einem schon fast auf der Zahnbürste sitzen. Leider sind sie so schnell, dass man sie kaum erwischt, wenn sie noch voll bei Sinnen sind. Deshalb muss man ihnen zuerst ein wenig mit dem Deo-Flammenwerfer einheizen und sie dann erschlagen, wenn es anfängt zu stinken. Aber selbst das ist (abgesehen von der Explosionsgefahr) riskant, denn einige von ihnen tragen Eier in sich oder sogar kleine Tiere, die dann entweder gleich aus dem toten Körper rauskommen oder sich an den Schuhsolen überall verteilen. Aber auch andere Insekten quälen uns hier regelmäßig. Unter anderem sind das fies stechende Ameisen, die in unserem Bett spazieren gehen, oder natürlich die allgegenwärtigen Moskitos. Von diesen hatte ich bereits am zweiten Tag allein am rechten Fuß über zwanzig Stiche. Aber mittlerweile lasse ich mich von diesen kleinen Störenfrieden nicht mehr allzusehr ärgern, es gibt ja bei weitem genug Ablenkung, die mich vom Kratzen abhält…

Simon Schaupp