Um trotzdem niemanden zu langweilen, werde ich mich mit den Ereignissen nach meinem Umzug auf das Tamilnadu Theological College kurz halten. Zunächst einmal habe ich wie gesagt eine neue Arbeitsstelle. Aus meiner Tätigkeit dort muss ich im Gegensatz zu meiner vorigen bei People?s Watch nicht wirklich ein Geheimnis machen: In meine Arbeit im Archiv des Centre for Social Analysis (CSA) kehrte schnell Routine ein. Das Gute an dieser Arbeit war, dass ich einen intensiven Einblick in die aktuellen Geschehnisse in Indien bekam, da ich ja praktisch den ganzen Tag mit Zeitunglesen verbrachte. Das war besonders im Hinblick auf den spannenden Wahlkampf und auf die Tragödie, die sich derzeit in Sri Lanka abspielt, interessant.
Wahrscheinlich ist es auch in Europa viel durch die Presse gegangen, dass die größte Demokratie der Welt wieder ihre Führung gewählt hat. Ein Land mit über einer Milliarde Einwohnern und sozialen wie kulturellen Unterschieden die weit größer sind als alle Verschiedenheiten die Europa beherbergt hat sich entschieden. Und zwar überraschend deutlich: *Gegen* den Hindunationalsimus, dessen Anführer angekündigt hatten, alle Wichtigen Entscheidungen von den Meinungen der Swamis und Gurus abhängig zu machen und deren wichtigste Kandidaten direkt für gewaltsame Ausschreitungen gegen Minderheiten verantwortlich sind. *Für* den Säkularismus, den Neoliberalismus und eine pro-amerikanische Politik. Aber bis es zu dieser Entscheidung kam, wurde viel gekämpft, manchmal auch mit Mitteln, die uns Europäern seltsam vorkommen. Tamil Nadu ist dafür ein gutes Beispiel. Der Bundesstaat wird seit den Siebzigerjahren von Karunanidhi, einem mittlerweile 89-jährigen und seiner Partei, der DMK, regiert. Schon immer hat er die Partei seine "Familie" genannt. Doch in den letzten Jahren ist dies tatsächlich wörtlich zu nehmen: die Partei ist nicht mehr seine Familie, sondern seine Familie ist die Partei. Es gibt keinen wichtigen Posten, der nicht von Mitgliedern seines Clans oder deren engsten persönlichen Freunden besetzt ist. Karunanidhis hat zwei Frauen und zwei Söhne. Der erste von ihnen, MK Stalin, ist der zweite Mann in der Partei. Azhagiri, der zweite Sohn, wurde auf einem Posten mitten im traditionellen Revier der Konkurrenzpartei abgestellt: Madurai. Von hier aus ist er für den Süden des Bundesstaates verantwortlich. Trotz des vermeintlich wenig versprechenden Postens hat Azhagiri sich mit den Jahren so sehr etabliert, dass er inzwischen auch "der König von Madurai" genannt wird. Was das bedeutet konnte ich an seinem letzten Geburtstag feststellen: Jeder Winkel der Stadt war geschmückt mit riesigen Plakaten, die ihn priesen wie einen Gott (auf manchen wurde er sogar tatsächlich mit einem Gott verglichen). Alle wichtigen Straßen waren gesäumt von Girlanden in rot und schwarz, den Farben der Partei. Der größte Aufwand kam jedoch erst nachts zu Geltung: Überall hingen Lichterketten, ca. alle drei Meter stand an der Straße eine Laterne in Form der aufgehenden Sonne, dem Parteiemblem, und alle fünfzig Meter eine "Lichtgestalt", die das Geburtstagskind in einer ungefähr zwanzig Meter hohen Konstruktion aus Lichterketten darstellte. Die Krönung waren diejenigen Momente, in denen es in Madurai wieder einmal dunkel wurde. Stromausfall. Aber nicht für den König: seine strahlenden Bildnisse wurden von separaten Generatoren versorgt. Madurai ist also fest in Azhagiris Händen. Als einmal eine unangenehme Meldung über ihn die Runde machte, wurde die Stadt einfach vom Rest der Welt abgeschnitten: Er kaufte alle Zeitungen auf und sorgte dafür, dass nur noch sein eigener Fernsehsender empfangen werden konnte. Nachdem 2007 eine Zeitung berichtete, dass bei einer DMK-internen Abstimmung 72 Prozent seinen Bruder Stalin und nur 2 Prozent ihn gerne als Karunanidhis Nachfolger sähen brannte am Tag darauf ihr Büro ab und drei Journalisten kamen zu Tode. Wie führt ein solcher Mann, eine solche Partei, Wahlkampf? Bei den letzten Wahlen war das Versprechen: Wenn ihr DMK wählt bekommt ihr alle einen Farbfernseher. Die DMK wurde gewählt und tatsächlich: Auf den Dörfern gibt es nun zwar immer noch keine konstante Wasserversorgung aber dafür Farbfernseher. Dieses Mal hat es sich die DMK einfacher gemacht: Briefumschläge mit 500 Rupien-Scheinen, die unter Türen hindurch geschoben wurden, sagten den Leuten, wen sie zu wählen hatten. Das ist übrigens keine Geheiminformation. Jeder weiß es, es ist normal.
Nun aber genug zur Lage der Nation, zurück zu mir. Zum Glück bestand meine Arbeit im CSA nicht nur aus dem Archivieren von Zeitungen. Darüber hinaus arbeitete ich auch für die in Indien recht bekannte Aktivistin Dr. Gabriele Dietrich.
Dr. Gabriele Dietrich ist Inderin. Sie ist in Deutschland aufgewachsen, aber das ist lange her. Jetzt hat sie nicht nur einen indischen Pass, sondern sagt auch "wir Inder" und "die Deutschen". Auf Englisch, Deutsch spricht sie kaum mehr. Vor kurzem ist sie in den Ruhestand eingetreten. Das heißt zwar, dass sie nicht mehr am Centre for Social Analysis in Madurai lehrt, "Ruhe" gönnt sie sich aber nicht. Als ich sie das erste mal für ein Interview traf kam sie gerade von einem Hungerstreik, schrieb noch schnell einen Brief an die indische Präsidentin und traf zwischendurch eine NGO-Delegation. Als im unteren Stockwerk des Gebäudes ein Telefon klingelte, zuckte sie zusammen und hörte einen Augenblick angestrengt zu, wie der Anruf entgegen genommen wurde. Es wurde Tamil gesprochen. Sie sank in ihren Stuhl zurück. "Ich erwarte noch einen Anruf aus New York", sagte sie entschuldigend. Der Begriff "Aktivistin" scheint für sie geschaffen zu sein. Ich konnte von ihr in einer kurzen Zeitspanne unglaublich viel lernen und meinen doch immer noch sehr engen westlichen Blickwinkel auf Menschenrechte sehr erweitern. Das kam vor allem meinem Buchprojekt zugute, an dem ich gerade für "Brot für die Welt" arbeite. Nachdem es sich bereits am Anfang meines Freiwilligendienstes herausgestellt hat, dass es zu riskant ist, von hier aus über die Menschenrechtssituation in Indien zu berichten, begann ich, mir Gedanken über Alternativen zu machen. Alle 18 Minuten wird ein Verbrechen gegen Unberührbare begangen und wir lernen in der Schule, dass es das Kastenwesen nicht mehr gebe. Die Polizei begeht 1,8 Mio. Menschenrechtsverletzungen im Jahr und kein Deutscher mit dem ich darüber sprach hatte je davon gehört. Etwas musste getan werden. Also begann ich nach einigen Absprachen mit meinen "Vorgesetzten" an einem Buch über Menschenrechte in Indien zu arbeiten, das von Brot für die Welt veröffentlicht werden soll. Inzwischen ist dieses Buch zu meinem Hauptprojekt geworden und die Arbeit daran ist wirklich spannend.
Aber natürlich ist Arbeit nicht das einzige in meinem Leben. Der Campus des TTS-College gibt mir die Möglichkeit, viele Kontakte zu spannenden Leuten zu knüpfen und mich immer mehr in die indische Kultur einzufinden. Für mich persönlich kann ich viel lernen. Unter anderem hat sich meine Einstellung zum Glauben durch den Kontakt mit dem befreiungstheologischen Ansatz des TTS und die Erfahrung der Multireligiosität der indischen Gesellschaft, geändert.
Und dann kam die Nordtour, vielleicht die erlebnisreichste Zeit in meinem Leben bis jetzt :) Da unsere (der ehemaligen People's Watch Truppe) Visumsverlängerung auf Sri Lanka im Februar nur halb geglückt war (wir hatten nur 3 statt der benötigten 6 Monate bekommen) mussten wir nun nach Thailand reisen und unser Glück aufs neue versuchen. Ungewiss, ob wir unsere neue Heimat je wiedersehen sollten, reisten wir also aus. In Bangkok waren wir vollkommen überwältigt von der Modernität der Stadt. Ich hatte beinahe vergessen, was "Modernität" bedeutet und es war sehr gewöhnungsbedürftig, durch siebenstöckige Einkaufszentren zu bummeln und von allen Seiten mit Werbung zugedröhnt zu werden. Mir wurde bewusst, dass das einfache Leben, in dem Konsum nicht alles ist, doch auch seine Vorteile hat. Trotzdem war ich begeistert von Bangkok: Ich entdeckte die Thai Küche für mich, stand staunend vor dem größten liegenden Buddha der Welt und freute mich an dem fast vergessenen Geschmack von Steinofenbrot, an dem wir uns bei einer deutschen Pfarrersfamilie erfreuen durften. Was mir von Thailand auch im Gedächtnis bleiben wird, ist der Patriotismus. Jeden morgen um acht und abends um sechs wir an öffentlichen Orten die Nationalhymne gespielt. So erklang beispielsweise am Bahnhof plötzlich eine Trillerpfeife, woraufhin alle sofort in dem was sie gerade taten innehielten, sich aufrichteten und andächtig dem Lied lauschten. Am Ende wieder der Ton der Trillerpfeife und das Leben darf weitergehen. Im Kino wurde vor Beginn des Films in gleicher Manier die Hymne des Königs gespielt, der verehrt wird wie ein Gott. Das unangefochtene Highlight von Thailand sind jedoch seine Strände. Ehrlich gesagt ist Railay-Beach wohl der schönste Ort, den ich je gesehen habe. Eine Halbinsel, die wegen Dschungel und Felsen nur per Boot erreichbar ist. Kein motorisierter Verkehr, dafür weiße Sandstrände, Korallenriffe und original Schatzinsel-Feeling.
Zurück in Bangkok bekamen wir ohne Probleme unser Visum (das sogar auf sechs Monate statt der beantragten drei ausgestellt war), feierten dieses freudige Ereignis noch ein wenig und machten uns auf zur nächsten Station unserer Reise: Delhi. Hier trafen wir voller Freude über das Wiedersehen unsere restlichen Mitfreiwilligen plus eine Freundin, um von nun an zusammen unseren Urlaub zu verbringen. Ich werde versuchen, diese erlebnisreiche Zeit so kurz wie möglich zusammenzufassen, auch wenn es mir schwerfällt: Die erste gemeinsame Station war Shimla, am Fuße des Himalaya. Hier herrschten deutsche Temperaturen und wir konnten endlich mal wieder unsere Lieblingspullis tragen. Das Highlight war eine Rafting-Fahrt auf einem Himalaya-Fluss. Dabei habe ich tatsächlich vor Kälte gezittert, etwas, was ich mir einige Tage später nicht einmal mehr würde vorstellen können.
Weiter ging es nach Amritsar, der Stadt der Sikhs. Der Sikhismus ist eine Verschmelzung hinduistischer und Islamischer Elemente, die hauptsächlich im Punjab verbreitet ist. Das faszinierende ist, dass streng gläubige Sikhs (von denen man in Amritsar viele sieht) verschiedene Symbole ihrer Religion tragen müssen. Dazu gehört der berühmte Turban, aber auch ein Dolch oder vorzugsweise ein Schwert. Ich fühlte mich wie in einer Märchenwelt, als ich am Goldenen Tempel, dem größten Heiligtum der Religionsgemeinschaft, saß und umgeben war von bärtigen Männern in langen Gewändern, die Turbane und Schwerter trugen. Von Amritsar aus besichtigten wir Atari, den einzigen Grenzübergang zu Pakistan. Dort spielt sich jeden Tag ein einzigartiges Spektakel ab: die Grenzschließungszeremonie. Dafür reisen Menschen aus ganz Indien an und nehmen in einer Art Stadion platz um die Zeremonie zu verfolgen. Lange hält es aber niemand auf seinem Platz. Die Stimmung dort wird durch Animateure so aufgeheizt, dass bald jeder in die Sprechchöre einstimmt, Fahnen schwenkt oder zu der lauten Musik zu tanzen beginnt.
Nächste Station: Bikaner in der Wüste Thar. Hier besichtigten wir einen Rattentempel, in dem sich, wie der Name schon sagt, tausende Ratten aufhalten. Laut der Priester handelt es sich dabei um Wiedergeborene Anhänger der Lokalen Gottheit. Das bedeutet natürlich, dass sie gefüttert werden müssen, und zwar nicht zu knapp. Hin und hergerissen zwischen Ekel und Faszination stieg ich über die struppigen Viecher hinweg und erspähte schließlich sogar die Glück bringende weiße Ratte. Am Tag darauf schwangen wir uns auf Kamele und ritten in einer kleinen Karawane durch die Wüste. Bei der herrschenden Temperatur 48 Grad war das ein genauso anstrengendes wie grandioses Erlebnis, das durch eine Übernachtung unter dem Wüstenhimmel abgerundet wurde.
Weiter ging es in die faszinierenden Wüstenstätte Jaisalmer und Jodhpur. Ich war vollkommen hingerissen von den engen Gässchen, filigran verzierten sandfarbenen Havelis (Handelshäuser) und Palästen und den stimmungsvollen Tempeln. Highlight: von einem der Flachdächer aus den Sonnenuntergang beobachten, der die ganze Stadt in ein warmes Orange taucht, während aus allen Richtungen die Rufe der Muezzine erschallen und ein kleiner Sandsturm aufkommt.
Für Christina Jöhnk und mich ging es dann noch nach Udaipur, der angeblich romantischsten Stadt Indiens, deren berühmter See aber aufgrund der Hitzewelle komplett verschwunden war. Trotzdem war der Ausblick vom Palast aus noch immer atemberaubend. In Mumbai stießen wir dann wieder auf Vera, Christina Kühne und Netty (Felix und Jasmin hatten schon wieder nachhause fahren müssen, weil sie von People's Watch keinen Urlaub mehr bekamen). Diese Stadt ist unglaublich groß, schon und schrecklich. Vermutlich kommen die sozialen Kontraste Indiens nirgendwo mehr zur Geltung wie hier. Da bot die nächste Station einen wunderbaren Ausgleich: Nur noch Vera und ich waren übriggeblieben und in einer 20 Stündigen Busfahrt nach Hampi gefahren. Dieser Ort kommt kurz nach Railay in meinem Ranking der schönsten Orte: Quietschgrüne Reisfelder werden durchzogen von einem breiten Fluss, der sich an seltsamen Steinformationen vorbeiwindet, die aussehen, wie absichtlich aufgestapelte riesige Kieselsteine. Genau auf diese Szene hatten wir von dem Hängebett vor unserer strohgedeckten Hütte Ausblick. Als wir genug gechillt hatten, setzten wir mit einem kleinen Bötchen von der Insel, auf der wir wohnten zum "Festland" über. Dort liehen wir uns Fahrräder aus und erkundeten die Umgebung mit ihren gut erhaltenen Ruinen einer alten Zivilisation.
Schließlich kehrten wir bis zum Rand gefüllt mit Eindrücken nach Madurai zurück um uns nach einem Monat des Reisens wieder an die Arbeit zu machen. Die Zeit vergeht wie im Flug und wir nähern uns bereits mit großen Schritten dem Ende unseres Freiwilligendienstes. Hin und her gerissen zwischen den Gefühlen denke ich daran, wie es wohl wird, Indien zu verlassen und in Deutschland einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Aber bis es soweit ist gibt es auch hier noch viel zu erleben.



