Das "Tamil Land"
Tamil Nadu ist der südlichste Bundesstaat Indiens mit ca. 65.555.000 Einwohnern und einer Fläche von 130.266 km². Er entstand 1956 entlang der Sprachgrenze des Tamil und hieß zunächst Madras. Das Klima Tamil Nadus ist tropisch. Die Temperatur schwankt im Jahresverlauf nur geringfügig und liegt im Jahresdurchschnitt um 29 Grad Celsius im Tiefland, wo auch Madurai liegt. Dort fällt das Thermometer selten unter 20 Grad, kann in den heißesten Monaten der Trockenzeit aber auf über 40 Grad klettern. Tamil Nadu wird mir im September wohl einen sehr feuchten Empfang bieten, da ich direkt während dem Übergang der beiden Monsunzeiten (die erste geht in TN von Juni bis September und die zweite von September bis Dezember) ankommen werde. Allgemein ist das Klima Tamil Nadus trockener als das des westlichen Nachbarbundesstaates Kerala, da das Gebirge der Westghats, wo bis zu 4000 mm Jahresniederschlag fallen, als Wetterscheide wirkt. Die Luftfeuchtigkeit ist jedoch ganzjährig hoch, was für viele Reisende eine Belastung darstellt. Trotzdem bin ich durchaus etwas erleichtert, dass das Klima in Madurai wohl nicht ganz so strapaziös ist, wie in anderen Gegenden Indiens.
Die Mehrheit der indischen Kinderarbeiter wird gefoltert
Als ich anfing, mich mit Tamil Nadu zu beschäftigen, fragte ich mich, warum gerade in diesem Bundesstaat der Kampf um die Menschenrechte so wichtig sei, denn Tamil Nadu ist einer der am höchsten industrialisierten Bundesstaaten Indiens. 2004 erwirtschaftete die dort ansässige Industrie 29,6% des Bruttoinlandsproduktes. Bei solchen Zahlen schien es mir verwunderlich, dass es größere Probleme im Menschenrechtsbereich geben sollte – und wenn, dann denkt man als Europäer zuerst an die Ungerechtigkeiten des Kastensystems oder die Diskriminierung von Frauen, aber Folter? Das ist etwas, das ich eher mit anderen Staaten in Verbindung gebracht hätte. Nachdem ich etwas recherchiert hatte, wurden mir die Zusammenhänge etwas klarer: Die Textilindustrie stellt in Tamil Nadu nach wie vor den wichtigsten Industriezweig dar. Gerade in diesem Industriesektor ist das Problem der Kinderarbeit jedoch besonders groß. Im Jahr 2003 gab es 70.344 Kinderarbeiter in Tamil Nadu (Landesweit offiziell 23 Mio., nach NGO-Schätzungen 100 Mio.). Ein für meine Arbeit wichtiger Fakt ist, dass 63 Prozent der indischen Kinderarbeiter regelmäßig der einen oder anderen Form von Folter ausgesetzt sind. Obwohl Folter in der indischen Verfassung verboten ist gehört Indien nicht zu den 114 Staaten, die das Folterverbot der UN ratifiziert haben. Hinter den auf fast jeder indischen Polizeistation angewandten „Methoden dritten Grades“ verbirgt sich Folter, nicht selten bis zum Tod. Allein in Tamil Nadu wurden im Jahr 2006 mindestens 4 Menschen in Polizeigewahrsam zu Tode gefoltert. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass die tatsächliche Zahl um einiges höher ist, denn fast immer wird die Todesursache vertuscht. Die meisten registrierten Menschenrechtsverletzungen in Indien (ca. 40%) betreffen die Polizei, danach rangieren Vorkommnisse in Gefängnissen.
Katastrophale Bedingungen für Flüchtlinge aus Sri Lanka
Ein weiteres großes Problem in Tamil Nadu, mit dem ich vermutlich konfrontiert werde, ist das der Flüchtlinge von Sri Lanka. Der Schiffsverkehr zwischen Indien und Sri Lanka ist aufgrund des Bürgerkriegs inzwischen eingestellt worden und es herrscht ein Verkehrsverbot (Per Flugzeug ist Sri Lanka allerdings problemlos zu erreichen). Trotzdem setzen viele Flüchtlinge nach Tamil Nadu über. Um diesem Ansturm Herr zu werden, schickt die Regierung Tamil Nadus diese Menschen inzwischen allesamt in Auffanglager an der Küste. Aus Angst vor der ceylonesischen Terrororganisation „Tamil Tigers“ besteht ein Generalverdacht gegenüber Flüchtlingen. Dies führt dazu, dass auf Grundlage des „Prevention of Terrorism Act“ (POTA) und seiner Nachfolgegesetze, Flüchtlinge ohne Gerichtsverfahren monatelang festgehalten werden. Oft handelt es sich dabei um Quarantänehaft und fast immer wird sie unter unmenschlichen Bedingungen vollzogen.
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