Als wir später in einer kleinen Propellermaschine im Anflug auf Madurai befanden, blickte ich gespannt auf das Land herab, das von nun an ein Jahr lang meine Heimat sein wird. Es war nicht zu übersehen, dass der Monsun erst kurz zurückliegt. Die Erde schien vollgesaugt wie ein Schwamm und überall grünte es. Die riesigen Palmen, die das Landschaftsbild prägten, verstärkten mit ihrer exotischen Ausstrahlung noch meine Euphorie, als ich über das Rollfeld dem Flughafengebäude entgegenging. Die feuchte Hitze hatte uns beim Verlassen des Flugzeugs wie ein heißer Waschlappen ins Gesicht geschlagen. Seit diesem Moment ist meine Haut permanent von einem Schweißfilm überzogen, der jeweils nur für wenige Minuten verschwindet wenn ich dusche.
Am Flughafen wurden wir von Cynthia Tiphagne, der Frau des Direktors von Peoples Watch, aufs herzlichste begrüßt. Nachdem man mich in Deutschland mehrmals davor gewarnt hatte, dass selbst ein Händedruck einer Inderin gegenüber als aufdringlich gewertet würde, fand ich mich nun in den Armen dieser beleibten Frau wieder, die uns sofort allen Küsschen auf die Wangen drückte. Schnell wurde mir wieder bewusst, worauf man sich zwar vorbereiten, aber nicht wirklich einstellen kann: dass in Indien alles anders ist. Nicht nur anders als in Deutschland, sondern vor allem anders als gedacht. Das bestätigte sich auch sofort wieder, als wir Henry Tiphagne, unserem zukünftigen Chef, vorgestellt wurden. Nach den Erzählungen in Deutschland hatte ich ihn mir als strenges Arbeitstier vorgestellt, oder als unnahbaren Boss an der Spitze einer straffen Hierarchie. Nun jedoch wurden wir von einem Mann empfangen, der unaufhörlich Witze riss und mehr von einem lieben Papa als von einem strengen Boss hatte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, ernst und wichtig genommen zu werden, was sich auch gleich bestätigte, als wir der gesamten Belegschaft von Peoples Watch ausführlich vorgestellt wurden (mir ist immer noch rätselhaft, wo diese über dreißig Leute vorher in den winzigen Büroräumen bloß versteckt gewesen waren).
Von links: Christina K., Christina J., Felix, Jasmin, Vera vor dem Büro von Peoples Watch
Nachdem Felix und ich in unser Zimmer im Gästehaus eingezogen waren, das ungefähr zehn Autominuten vom Büro entfernt ist, ging es zusammen mit Jasmin, der dritten Freiwilligen bei Peoples Watch, gleich los zum TTS. Das *T*amil Nadu *T*heological *S*eminary ist die Organisation, bei der Vera, Christina J. und Christina K., die drei anderen Freiwilligen, mit denen wir nach Madurai entsandt wurden, arbeiten werden. Es befindet sich in einem wunderschönen, grünen Compound, um den ich die drei Mädchen vor allem wegen seiner Ruhe beneide. Denn Ruhe ist etwas, was es in Madurai sonst nirgends zu geben scheint und schon garnicht in unserem Gästehaus, das direkt an einer Straße liegt. Im TTS werden wir nun drei Tage wohnen, in denen wir uns an die neue Umgebung gewöhnen können. Diese Umgebung ist leider etwas, worüber ich noch nicht berichten kann und will. Das, was wir bis jetzt auf unseren Autofahrten und Spaziergängen durch die Stadt gesehen haben, ist so extrem anders, dass ich noch etwas Zeit brauchen werde, um es zu verdauen.
Im TTS
Bis gerade eben saß ich auf einem Balkon im TTS, umgeben vom permanenten Gezwitscher exotischer Vögel und einem Meer von Palmen, in denen Geckos und eine Art Streifenhörnchen umherhuschen. Aber jetzt beginnt es zu regnen und ich muss mich in unser Zimmer zurückziehen. Dort ist es aufgrund der Ventilatoren ohnehin etwas besser auszuhalten, wobei der Unterschied nicht wirklich groß ist. Alle hier sind sehr nett und aufgeschlossen zu uns, wobei ich noch nicht so ganz herausgefunden habe, wie ich mit den Frauen umgehen soll. Es fällt mir schwer, in einer Gruppe einfach nur die Männer zu begrüßen, aber anscheinend wird genau das erwartet. Auch für die Mädchen in unserer Gruppe ist es hier etwas schwerer als für uns Jungs. Neben der ungewohnten Kleiderordnung sind sie ständig den unverholenen Blicken der Männer ausgesetzt, die auf der Straße stehen bleiben und sie mit offenem Mund anstarren. Mir und Felix geht es da etwas besser aber natürlich fallen auch wir sehr auf, da wir weit und breit die einzigen Weißen sind. Das ist eines der vielen Dinge, an die wir uns gewöhnen werden müssen. Im Vordergrund steht jedoch auf jeden Fall die extreme Hitze und die Luftfeuchtigkeit. Vor allem mittags ist es draußen kaum auszuhalten. Gerade zu dieser Zeit kamen Felix und ich auch noch auf die Idee, die Heimat mit einem Anruf zu beglücken. Die Telefonzelle, die wir dazu benutzten stellte jede Sauna in den Schatten. So war ich auch nicht allzu traurig, dass die Leitung nach ungefähr einer Minute wieder zusammenbrach. Mehr Zeit hatte es nicht gebraucht, dass ich von Kopf bis Fuß nass war vor Schweiß. Eine weitere Belastung sind vor allem hier in der feuchten Umgebung des TTS die Moskitos.
Die "Müllabfuhr" vor dem PW-Büro
Etwas worauf ich sehr gespannt gewesen bin ist das indische Essen. Inzwischen haben sich die meisten meiner Befürchtungen im Bezug darauf jedoch zerstreut: es ist hervorragend! Die Schärfe hält sich in Grenzen und es gab bis jetzt noch nichts, was mir garnicht geschmeckt hat, aber vieles, was ich bis jetzt noch nie gesehen, geschweige denn gegessen habe. Zum Beispiel eine Frucht, die aussieht wie eine Mischung aus Kartoffel und Kiwi und vom Geschmack her am ehesten mit einer Birne vergleichbar ist. Das Essen mit den Händen ist auch weit weniger gewöhnungsbedürftig als ich angenommen hatte. Man fragt sich schnell, wozu Besteck überhaupt gut sein soll (was sich wieder relativiert, sobald man Suppe vorgesetzt bekommt). Allerdings ist das indische Essen in seiner Qualität weit weniger gut, als man in Europa oft annimmt. So beinhaltet es zwar große Mengen an Fett, aber wenig Nährstoffe und vor allem wenig Vitamine, da es z.B. nichts wie Salat o.ä. gibt. Die meisten Inder gleichen dies dadurch aus, dass sie unglaubliche Mengen an Essen verschlingen, wir haben hingegen bereits begonnen, Vitamintabletten zu schlucken und uns Obst zu kaufen. Dabei muss man jedoch extrem vorsichtig sein und darf wegen der Erkrankungsgefahr nur Obst kaufen, das man eigenhändig schält.

Eine Marktgasse in der Stadt
Hier ist es jetzt ein Uhr nachts und gerade ist der Powercut vorbei. Das bedeutet, dass über jeden Tag verteilt sechs Stunden der Strom abgestellt wird, da es zu wenige Kraftwerke gibt, um Madurai zu versorgen. In dieser Zeit ist es kaum möglich zu schlafen, da natürlich auch die Ventilatoren ausfallen. Aber jetzt ist der Strom wie gesagt wieder da und ich werde mich hinlegen.
Simon Schaupp
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