Donnerstag, 23. Oktober 2008

Geburtstag und NPTT in Delhi

Ich hatte einen wunderschönen Geburtstag hier in Indien. Bei der Arbeit sagte Felix irgendwann, er habe Bauchschmerzen und würde nachhause gehen. Ohne Verdacht zu schöpfen blieb ich sogar noch bis über die reguläre Zeit im Büro und kehrte dann zurück ins Guesthouse. Dort erwarteten mich nicht nur Felix und Jasmin sondern auch die Mädels von TTS mit Wunderkerzen und – noch besser – mit Spaghetti! Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, was für ein Festessen das war, nach dem doch etwas eintönigen indischen Essen jeden Tag. Außerdem hatte Felix alle netten Kollegen von People’s Watch eingeladen, die verfügbar waren. So hatte ich eine richtig tolle Party mitsamt Ständchen, Geburtstagstorte und Geschenken. Es war super! Ich bin total dankbar =)
Am nächsten Abend gab es dann noch ein kleines Abschiedsfeuerwerk, denn dann reisten Jasmin, Felix und ich für zehn Tage nach Delhi. Davon gingen jeweils zweienhalb Tage für die Zugfahrt rauf und runter durch den ganzen indischen Subkontinent drauf. Nach meinen Erfahrungen mit indischen Zügen hatte ich doch etwas Bedenken gehabt, wie das wohl werden würde, aber zumindest die Zugfahrt selbst war total angenehm.
In Delhi selbst hatten wir erstmal kleine Probleme, rauszufinden, wo wir nun hingehen sollten, denn das versprochene Abholungskommitee war nirgends zu sehen. Nach längerem Rumtelefonieren (davon ein mysteriöser Anruf von einer unbekannten Person, die uns zur Polizeistation schicken wollte) nahmen wir die Sache dann selbst in die Hand und schlugen uns zu unserer Unterkunft in einem Industrieviertel Delhis durch.
Der Zweck unserer Reise war das von People’s Watch organisierte „National People’s Tribunal on Torture“, das wir protokollieren sollten. Das NPTT ist der Höhepunkt einer Serie von Tribunalen auf Staatsebene, bei denen Folteropfer angehört wurden. In Delhi wurden nun 21 Fälle aus ganz Indien vor einer hochrangigen, internationalen Jury vorgetragen – eine ziemlich große Sache und ein großer Schritt für People’s Watch auf dem Weg zur nationalen Organisation. Für uns war es eine wunderbare Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und einen tieferen Einblick in die Problematik zu gewinnen.
Aber glücklicherweise blieb auch noch Zeit, Delhi und seine Umgebung zu erkunden, definitiv ein Highlight, aber ein sehr anstrengendes. Delhi ist eine so unglaublich große, chaotische und gnadenlose Stadt. Für mich ist es immernoch schwer zu ertragen, dass sich einfach alles um Geld dreht. Vor allem, wenn man überall sieht, dass es nicht Gier, sondern der Kampf ums Überleben ist. Auf Schritt und Tritt wird man von Menschen verfolgt, die einem auf irgendeine Weise das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Der Rikschafahrer fordert plötzlich mehr Geld als vereinbart, entstellte Bettler pressen ihre Gesichter gegen das Autofenster, der Fahrer schrammt die volle Länge eines anderen Autos entlang und beschleunigt einfach nur, als er es merkt. All das erzeugt eine Grundstimmung des Misstrauens, für die ich mich manchmal selbst verabscheue. Aber natürlich gab es auch positive Seiten, und die haben eindeutig überwogen: Es war herrlich, nach dem ersten Kaufrausch meines Lebens, wieder einmal in einer stylischen Bar zu sitzen, einen Mojito zu schlürfen und das Cocktailstäbchen im Takt der westlichen Musik zu schwenken. Nur die Ratten und Kakerlaken haben uns daran erinnert, dass wir doch in Indien waren.

"Eine Träne der Zeit auf den Wangen der Unendlichkeit"

Der Höhepunkt der Reise war aber definitiv der Taj Mahal. Ohne große Erwartungen an solch einen Touri-Magneten zu haben kamen wir an, doch dann konnten wir nurnoch staunen. Beim Anblick dieser vollendeten Perfektion sprach Felix genau das aus, was auch mir durch den Kopf ging: „Das ist das schönste Gebäude, das ich je gesehen habe.“

Simon Schaupp