Endlich komme ich mal wieder dazu, ein wenig zu berichten. Unter der Woche wird unser Leben doch sehr von der Arbeit dominiert. Wir stehen zwischen fünf und sechs Uhr auf und gehen zum Yoga. Nachdem ich meine Versuche, an einem Kampfkunst-Training teilzunehmen aufgegeben habe ist das ein toller Ersatz. Man macht die Übungen auf einer Dachterasse umgeben von Palmen und sieht die Sonne über den Bergen aufgehen – ein toller Ausgleich zu unserer anstrengenden Arbeit im fensterlosen Büro.
Letztes Wochenende waren Vera, Jasmin, die beiden Chrissys und ich auf Rameshwaram. Das ist eine (Halb-) Insel in der Nähe von Sri Lanka. Um sechs Uhr morgens ging es mit dem überfüllten Zug (man muss mindestens eine Stunde vor Abfahrt einsteigen um einen Sitzplatz zu bekommen) los. Die Fahrt, die auch über die Indira-Gandhi-Brücke, eines der größten Wunder der indischen Ingenieurkunst, führte, verbrachte ich auf der Gepäckablage und hatte damit noch einen ziemlich guten Platz erwischt. Euphorisiert von den Palmenstränden, die am Fenster vorbeigezogen waren, stiegen wir mit der unglaublich heißen Sonne um die Wette strahlend in Rameshwaram aus dem Zug und machten uns gleich auf zum Ramanathaswamy-Tempel. Dabei handelt es sich angeblich um einen der wichtigsten Tempel Indiens. Sicher ist, dass er riesig ist und voller interessanter Dinge steckt. Dazu gehören z.B. die bunten Säulengänge und die heiligen Elefanten, die einem segnend den Rüssel auf den Kopf legen (natürlich nur gegen eine kleine Spende).
Das Highlight war aber etwas anderes. Gleich am Eingang wurden Vera und ich nämlich von einem eifrigen (und, wie sich später herausstellte, nicht ganz uneigennützigen) Hindu aufgegabelt, der uns erklärte, wir müssten uns unbedingt einer rituellen Reinigung unterziehen, damit wir zu Shiva beten könnten. Etwas misstrauisch folgten wir ihm, in der Annahme, dass die „Reinigung“ eher symbolischen Charakter haben würde. Ich dachte mir sie wäre vielleicht ähnlich mit dem reinigen an einer heiligen Flamme, bei dem man sich Rauch ins Gesicht weht, oder vielleicht vergleichbar mit unserem Ritual des Weihwassers. Der Teil mit dem Wasser traf sogar zu, nur die Proportionen hatte ich mal wieder sehr naiv eingeschätzt: ein Eimer wurde in einen Brunnen hinabgelassen und sein gesamter Inhalt wurde uns über den Kopf geschüttet. Eigentlich unnötig zu erwähnen, dass wir voll bekleidet waren und unser ganzes Gepäck dabei hatten. Während wir noch wie begossene Pudel, oder bessergesagt, wie begossene Europäer dastanden, eilte unser Führer schon weiter und drängte uns, ihm zu folgen.
Die nächste Station war – wen wunderts – ein weiterer Brunnen, an dem die Prozedur wiederholt wurde. Als wir dann ungefähr bei der fünften Waschung, nun bis zur Unterwäsche durchnässt und von dunklen Vorahnungen erfüllt, fragten, wie viele Reinigungen wir denn vollziehen sollten, wurden wir verständnislos angeschaut. Zweiundzwanzig natürlich, was soll man auch sonst erwarten?
Obwohl an Wasser offensichtlich nicht gespart wurde, durfte man das Wort „Reinigung“ zu wörtlich dann doch nicht nehmen, denn sauber wurde (oder blieb, je nachdem) man dabei nicht. Das Wasser war eine braune Brühe, das heiligste davon aus einem Teich, der voll war mit Fischen und Lotosblumen – und die gedeihen ja bekanntlich nur im Dreck. Nachdem aus einem der Eimer neben dem Wasser nicht nur Schmutz sondern auch ein Stein kam, beschloss ich, zumindest lieber nichts davon zu trinken, wie es die Hindus tun. Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass das den Erfolg, das Glück und die Gesundheit, die mir und meiner ganzen Familie versprochen wurde, mindern wird. Ich bitte euch Daheimgebliebene also, zu entschuldigen, wenn ihr jetzt nicht alle, sondern nur ein paar Blässürchen loswerdet. Am Ende der Tour durch den Tempel verlangte der Mann, der uns geführt hatte, plötzlich Geld, von dem er am Anfang kein Wort erwähnt hatte. Und zwar tausend Rupien, ein vollkommen überzogener Betrag, von dem eine Familie hier wahrscheinlich ein Jahr lang leben könnte. Nach einer längeren Diskussion gaben wir ihm – immernoch fürstliche – 100 Rupien, beschlossen, uns die Laune nicht verderben zu lassen, und machten uns auf ans Meer.
Dort entspannten wir uns für den Rest des Tages in der Nähe eines kleinen Fischerdorfes, spielten mit den wunderbar unbeschwerten Kindern und genossen einen friedvollen Sonnenuntergang. Bei alldem konnte ich mir kaum vorstellen, dass hier ein paar Tage zuvor ein Fischer von der sri lankischen Marine erschossen wurde. Man hatte daraufhin kurz gestreikt aber die Arbeit bald wieder aufgenommen – der Hunger ist eben doch größer als die Wut.
Bilder und Text: Simon Schaupp
PS: alle Fotos können durch draufklicken vergrößert werden. Vor allem bei dem Panoramabild vom Hafen ist das vielleicht sinnvoll.
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