Montag, 10. November 2008

Ein Besuch in "God's own Country"

Dass Delhi Spuren hinterlässt war mir klar, doch dass sie in Form eines 10-tägigen Fiebers kommen würden ist eine böse Überraschung. Nach dem dritten Tag mit hohem Fieber gehe ich in ein Krankenhaus, ohne große Erwartungen, denn bei meinem letzten Besuch hier wurde mir nach dreistündigem Warten nur empfohlen, ich solle mehr beten. Tatsächlich gibt es auch diesmal keine Diagnose. Mir wird Paracetamol verschrieben und die Antwort auf meine Frage nach einem Bluttest ist: „Dein Blut ist doch sowieso rot.“ Ich warte das Wochenende über, wie mir empfohlen wurde einfach ab, ohne dass das Fieber sinkt. Als ich danach wieder ins Krankenhaus gehen will heißt es, leider geschlossen. Es ist Diwali und drei Tage lang hat alles zu. Ich verbringe die Feiertage vollkommen geschwächt und mit einem immer größer werdenden Stubenkoller im Bett, bis ich mit meinem Arzt aus Deutschland telefoniere. Dieser sagt mir, alles was ich erzähle hört sich nach Malaria an, außerdem sind wir durch ganz Indien gefahren, was die Übertragungsgefahr erheblich erhöht. Fazit: sofort Bluttest machen gehen und zwar in einem anderen Krankenhaus. Gesagt getan: Felix begleitet mich zum Apollo Hospital, wo tatsächlich nachts um halb eins in der Notaufnahme ein Bluttest durchgeführt wird. Außerdem werden mir eine Reihe von Medikamenten mitgegeben, ebenfalls wieder ohne auch nur zu fragen, was für Symptome ich überhaupt habe. Aber diesmal Wirken sie. Kein Wunder, denn es sind Breitband-Antibiotika. Ein paar Tage später bin ich, wenn auch geschwächt und, wie man mir im Büro sagt, abgemagert wieder auf den Beinen und freue mich, dass alles Tests negativ ausgefallen sind.

Der Strand von Varkala

Das tagelange eingesperrt sein und der Stress der letzten Zeit machen es nötig, mal wieder aus Madurai rauszukommen. Nach längerem Überlegen, ob sich eine 10-stündige Zugfahrt für ein Wochenende lohnt, machen wir es uns am Freitagabend tatsächlich in der Sleeper Class bequem – wohl eine der besten Entscheidungen, die wir hier bis jetzt getroffen haben.

Als wir am nächsten Morgen aufwachen befinden wir uns in Kerala. Der Zug schlängelt sich vorbei an palmengesäumten Lagunen, tuckert durch Dörfer aus Strohhütten mit mystischen Schreinen im Zentrum und erhebt sich auf Brücken weit über das alles umgebende Palmenmeer. Fast ohne Verspätung kommt der Zug dann an einer kleinen, aber außergewöhnlich modern ausgestatteten Station zum Stehen: Varkala.

Traditionelle Fischerboote

Schon als wir unser Hotel betreten fühlen wir uns wie in einer anderen Welt. In diesem Ort scheinen alle Menschen mit einem zusätzlichen Relax-und-Lächel-Gen ausgestattet zu sein. Zeit existiert hier nicht. Schon bald wird mir klar, dass es wohl keinen besseren Ort geben kann, um nach der Anspannung der letzten Wochen einfach mal die Seele baumeln zu lassen. Und dann sah ich den Strand.

An dieser Stelle wird eine angemessene Berichterstattung leider unmöglich, denn mir fehlen alle Worte um dieses Stück Paradies zu beschreiben. Palmenbewachsene Klippen stürzen zu sanften Sandstränden hinab. Die Brandung ist stark genug um die Naturgewalt zu sein, die das Meer für mich sein muss, und trotzdem ist schwimmen gerade noch möglich. Allerdings tummeln sich hier auch die Touristen. Wir sehen zum ersten Mal, seit wir hier sind an einem Ort mehr Weiße als Inder. Eine Zeit lang ist es extrem lustig, diese Oberschicht-Leute zu beobachten, die sich hier so zwanghaft um ein verlottertes Aussehen bemühen, wie sie sich zuhause die Krawatte zurechtzupfen. Oder zuzuhören, wie sie sich bei Pizza und Spaghetti inbrünstig erklären, dass sie keine Touristen sind sondern abgebrühte „Traveller“ und dann zu einer Diskussion über Parfummarken übergehen. Bald schon fange ich jedoch fast schon an, mich zu schämen, dass auch ich ein Deutscher bin und mache mich auf, um etwas abgelegenere Gegenden zu erkunden. So wandere, klettere und schwimme ich an den schroffen Klippen (gepriesen seien sie!) entlang. Ein paar Meter nach dem Ende der „Vegas Meile“ (so nennen sie die Einheimischen) ist kein einziger „Traveller“ mehr zu sehen sondern nur noch Fischerboote und Einheimische, die am Strand Krabben fangen.


Nach weniger als einer Stunde befinde mich dann vollkommen alleine an unbeschreiblichen Stränden. Als ich in der Nähe des nächsten Dorfes angekommen bin wird mir klar, dass ich langsam der brennenden Sonne entkommen muss. Da es aber nirgendwo Schatten gibt steige ich, als ich etwa dreißig Meter über dem Meer ein Hotel thronen sehe, die Klippen hinauf und schleiche mich in die luxuriöse Anlage ein. Dort finde ich einen kleinen Pavillon, der etwas hinter Palmen versteckt ist, und setze mich möglichst unauffällig in einen der Stühle. Von dort aus bietet sich mir eine atemberaubende Aussicht auf das Meer und die riesigen Falken, die im Sturzflug Fische jagen, gleiten so nahe an mir vorbei, dass ich fast glaube, sie berühren zu können. Es ist so schön, dass es fast schon in der Seele schmerzt. Ich sitze einfach nur da und staune. Als ich das nächste mal auf die Uhr schaue, merke ich, dass über eine Stunde vergangen ist. Zeit wieder zu verschwinden.

Weit weg von allen "Travellern"...

Auf meinem weiteren Weg stoße ich auf eine Gruppe von leicht bekifften und entsprechend fröhlichen Einheimischen, die mir sofort anbieten mit ihnen zu rauchen. Nachdem ich unter viel Dikussion schaffe, dies abzulehnen, lassen sie sich aber durch nichts mehr davon abhalten, "auf die Palme zu gehen", eine Kokosnuss zu ernten und mir ihren Saft zu geben. Zwei Gläser Kokosnusssaft und ein paar Tänze zu „We will rock you“ und anderen westlichen Hits später schaffe ich es unter großer Mühe, mich von der Gruppe loszulösen. Aber natürlich erst, nachdem man unzählige gemeinsame Erinnerungsfotos gemacht hat.

Auf dem Rückweg merke ich, dass ich einen weiteren Vorteil Keralas entdeckt habe: Die Leute sind im Gegensatz zu den Tamilen vollkommen entspannt, was den Umgang, trotz der natürlich auch hier bestehenden gewaltigen Kulturunterschiede, erheblich leichter macht. Aber es gibt noch so viele weitere Vorteile, dass ich absolut keine Chance habe, sie alle hier zu beschreiben. Vielleicht kann ich sie damit zusammenfassen, dass ich den Indern uneingeschränkt Recht gebe, wenn sie sagen „Kerala is god’s own country“. Unser Chef fügte hinzu: „with devil’s own people“. Auch dem kann ich Recht geben, verstehe es aber eher als „teuflisch cool“.

Bilder und Text: Simon Schaupp