Ich fühle mich wie Siddhartha, der nur den behüteten Palast kannte, und nun zum ersten Mal einen Ausritt in die Wirklichkeit des Lebens mit all seinem Leiden macht. Das liegt aber nicht etwa daran, dass Indien das Land des Leidens wäre, denn das ist es in keiner Weise. Es liegt daran, dass sich hier fast alles in der Öffentlichkeit abspielt. Die kollektivistische indische Mentalität scheint weder Privatsphäre noch das Verbergen von Verfall zu kennen. Das fällt bereits dann auf, wenn man in Madurai einen ungestörten Platz zum Sitzen sucht: etwas Derartiges scheint es nämlich nicht zu geben. Hat man dann doch einen Ort, wie z.B. eine Fensterbank in einer verlassen Gasse gefunden, kann man davon ausgehen, dass dieser wenige Augenblicke später plötzlich stark bevölkert ist von Menschen, die mitten in die Unterhaltung hinein fragen, was man denn mache. Bei uns zuhause haben wir uns inzwischen daran gewöhnt, dass unsere Haushälterin nachts plötzlich in unserem Zimmer neben dem Bett steht. So lange sie mich dann nicht wachrüttelt oder ins Badezimmer kommt während ich mich (nur mit einer Boxershorts bekleidet) gerade rasiere, stört mich das sogar nicht einmal mehr wirklich. Die Sitte des Anklopfens ist eine westliche, wird mir bewusst.
Wie bereits gesagt, das Leben findet öffentlich statt. Im Haus ist man eigentlich nur zum Essen und Schlafen und auch das immer nur in Gesellschaft der Großfamilie. Auf der Straße hingegen wird geredet, gestritten, gelacht und geweint. Jedes Stadium des menschlichen Lebens ist hier sichtbar: von durchgestylten Weltmännern bis zu verrunzelten alten Frauen, die nicht mehr gehen können begegnet einem alles. Die einen lassen sich hinter getönten Scheiben in Jeeps herumkutschieren, die anderen kriechen mühevoll Zentimeter um Zentimeter durch den Dreck. Auch alle möglichen Arten von Krankheiten, Verkrüppelungen und Entstellungen begegnen einem, die man in Deutschland nie zu Gesicht bekommen würde, weil sie entweder operabel sind oder so fortgeschritten, dass sie stationär behandelt würden. Auf ihre schonungslose Weise sind die indischen Straßen um so vieles ehrlicher als die deutschen.
Ähnlich wie mit den Menschen selbst ist es auch mit ihren Behausungen. In jedem Viertel, egal ob reich oder arm, sieht man skelettartige Bauten, bei denen man nicht so richtig einschätzen kann, ob sie noch nicht fertig oder bereits verfallen sind. Und überall wo man hinsieht Bauschutt. Besteigt man Madurais Flachdächer scheint es, als ob dieser stets dorthin verfrachtet würde, wenn ein Haus fertiggestellt wird. Aber bis dahin ist es ein langer Weg, wie man sich unschwer vorstellen kann, wenn man indische Bauarbeiter bei der Arbeit beobachtet. Manchmal könnte man durchaus denken, es handle sich um einen Meditationskurs, bei dem hin und wieder mal jemand mit einem Hammer auf einen Nagel schlägt um die irdische Welt nicht gänzlich aus dem Bewusstsein zu verlieren.
Für die meisten der halbfertigen Bauten besteht wohl wenig Hoffnung, jemals fertig gestellt zu werden. Man kann nur rätseln, ob sie irgendwann in Vergessenheit geraten sind oder ob dem Bauherrn das Geld ausging wenn man Gebäude sieht, bei denen beispielsweise nur das zweite Stockwerk fertiggestellt ist, oder an einer langen Reihe massiver Pfeiler vorbeifährt, die vielleicht einmal dazu gedacht waren, eine Autobahnbrücke zu tragen. Schwer von dieser ersten Kategorie zu unterscheiden ist die zweite: die verfallenen Häuser. Manche von ihnen sind offensichtlich eingestürzt, andere dienten vermutlich als Baumaterial für kommende Projekte. In manchen Fällen ist die Ursache des Verfalls aber auch unschwer zu übersehen: so zum Beispiel bei einem Tempel, in dessen Seitenwand sich ein Lastwagen bis zur Hälfte hineingebohrt hat.
Apropos Lastwagen: Auch an Gefährten hat Indien alles zu bieten, was man sich vorstellen kann: vollkommen überladene Fahrräder überholen langsam dahinzuckelnde Ochsenkarren, an denen immer wieder Luxusschlitten vorbeirauschen, die scheinbar dreimal täglich poliert werden, denn trotz dem allgegenwärtigen Staub sind sie stets blitzblank. Und zwischen alldem natürlich das Fahrzeug, das uns am meisten ans Herz gewachsen ist: die Autorikscha. In indischen Städten braucht man trotz des Chaos eigentlich keine Angst haben, sich zu verlaufen, die kleinen gelben Dreiräder, die einen für wenig Geld überall hinbringen, sind allgegenwärtig.
Bei den Gebäuden sind die Unterschiede natürlich nicht minder groß: Direkt nebeneinander stehen Bauten, für die das Wort Palast eine Untertreibung wäre und Hütten, die nicht einmal den kleinsten Regenschauer abhalten würden, geschweige denn den indischen Monsun. Dieser prägt das Bild Madurais gerade maßgeblich: Plötzlich setzt ein Regen ein, bei dem man denken könnte, man stehe unter einem Wasserfall und wenige Minuten später sind die Straßen mangels Abflussmöglichkeiten in Flüsse verwandelt und wie aus dem nichts entstehen plötzlich riesige Froschpopulationen. Sieht man eine Straße dann nach dem Regen wieder, kann es durchaus sein, dass z. B. der Bürgersteig verschwunden ist, mitgerissen von den Fluten. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, dass viele Straßen hier keine Namen und Häuser nur in den seltensten Fällen Nummern haben: Nichts ist von Dauer.
Möchte man Deutschland mit einem sterilen Krankenhaus vergleichen ist Indien ein Dschungel, vollkommen durchdrungen vom Werden und Vergehen des Lebens. Während in Deutschland der Verfall aus der Gesellschaft herausoperiert wird, wachsen aus den verfallenen Stümpfen im Dschungel Indiens überall neue Bäume und nichts bleibt je gleich. Einige Bäume ragen weit hinauf zum Licht aber die meisten anderen wuchern in der Finsternis, in der die Schwachen vom Unterholz zerdrückt werden. Dieses Bild drückt für mich am besten aus, was ich jeden Tag sehe und fühle.
Bilder und Text: Simon Schaupp



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